Skoliose – Übst du noch oder trainierst du schon?

Skoliose Training: Warum gezieltes Training bei Skoliose entscheidend ist und worauf es für nachhaltige Fortschritte wirklich ankommt. Mit Tipps für Eltern und erwachsene Skoliosepatienten!

Inhalt

Einleitung

Du kennst den Frust: Dein Kind macht fleißig seine Skoliose-Übungen, vielleicht sogar täglich, oder du führst endlose Diskussionen, um es zum Training zu motivieren – und trotzdem bleiben die erhofften messbaren Fortschritte aus. Manchmal verschlechtert sich die Skoliose sogar weiter. Diese Situation kann frustrierend sein und das Gefühl hinterlassen, dass alle Mühe umsonst ist.

Doch die gute Nachricht ist: Oft liegt es nicht an mangelndem Fleiß oder Disziplin. Stattdessen sind es meist einige grundlegende Missverständnisse, die den Erfolg verhindern. In diesem Artikel räumen wir mit diesen Missverständnissen auf und zeigen dir, warum die Qualität des Trainings so viel wichtiger ist als die reine Quantität.

Es geht nicht darum, dein Kind noch mehr Übungen machen zu lassen oder den Druck zu erhöhen. Vielmehr lernst du hier, wie man cleverer trainiert und welche sportwissenschaftlichen Prinzipien dabei helfen, echte, messbare Veränderungen zu bewirken. Mach dich bereit, die häufigsten Ursachen für ausbleibende Erfolge zu verstehen und den Bogen rauszuhaben, damit dein Kind endlich die Fortschritte macht, die es verdient.

Zusammenfassung für Eilige: Krafttraining bei Skoliose

Skoliosetraining ist mehr als das Abarbeiten von Übungen – entscheidend sind sportwissenschaftliche Prinzipien wie ausreichend intensive Reize, passende Regeneration und das Anpassen des Trainings an den Leistungsstand. Tägliches Üben oder fünf Minuten „Gymnastik“ bringen wenig, wenn die Qualität nicht stimmt. Frust entsteht oft, weil falsche Vorstellungen über Trainingshäufigkeit oder -dauer bestehen. Effektiv ist das Training, wenn es spürbar fordert, zur Person passt und Fortschritte sichtbar macht. Kleine Routinen und das Dokumentieren der Entwicklung helfen dabei, die Motivation hochzuhalten.

Fleißig am trainieren, doch trotzdem ist kein Fortschritt zu sehen?

Es ist eine zutiefst frustrierende Situation: Du siehst, wie dein Kind jeden Tag fleißig seine Skoliose-Übungen macht, doch die erhofften Fortschritte bleiben aus – im schlimmsten Fall verschlechtert sich die Skoliose sogar weiter. Genau das lese ich häufig in den sozialen Medien, wo Mütter ratlos sind und nicht verstehen, warum die Mühe ihres Kindes nicht belohnt wird. Oft wurde ihnen von Ärzten oder Therapeuten geraten, täglich zu trainieren, und der Glaube, dass „mehr Übungen gleich mehr Erfolg“ bedeutet, ist tief verankert. Ich habe schon von Therapeuten gehört, die alles unter drei Trainingseinheiten pro Woche als „homöopathische Dosis“ abtun.

Zum Einen kann es natürlich an der Übungsauswahl liegen. Nicht jede Übung eignet sich für jede Skoliose. Wenn du mehr über diesen Aspekt lernen möchtest, empfehle ich dir den Beitrag „Skoliose Übungen unter der Lupe“ (=> https://skoliofit.de/skoliose-uebungen-im-internet/)

Zum Anderen treffen wir hier auf ein weit verbreitetes Missverständnis. Mehr ist nicht immer besser, besonders wenn es um gezieltes Training geht. Tatsächlich führt dieses „Mehr“ häufig dazu, dass die Intensität und der tatsächliche Umfang des Trainings unbewusst abnehmen. Wenn der Körper nicht ausreichend gefordert und bis zur Erschöpfung gebracht wird, fehlen ihm die notwendigen Reize, um sich anzupassen und mehr Muskeln aufzubauen. Das Ergebnis: Die Zeit, die dein Kind investiert, führt nicht zu den gewünschten körperlichen Veränderungen, und die Skoliose stagniert oder verschlechtert sich.

Der Grund für diese Diskrepanz zwischen ihren und meinen Aussagen liegt in unserer unterschiedlichen Grundausbildung. Viele Physiotherapeuten lernen in ihrer Ausbildung nur sehr wenig über die spezifischen Aspekte des gezielten Trainings. Die entscheidenden Komponenten der Trainingsplanung und -steuerung, die in der Sportwissenschaft eine zentrale Rolle spielen, fehlen in der klassischen Physiotherapie Ausbildung häufig und auch in der klassischen Skoliose-Fortbildung wird meines Wissens nach nicht darauf eingegangen. Da ich selbst Dipl. Sportwissenschaftlerin und keine Physiotherapeutin bin , betrachte ich die Therapie aus einer anderen, aktiveren Perspektive. Dieser sportwissenschaftliche Ansatz ermöglicht es, das Training nicht nur regelmäßig, sondern vor allem auch effektiv zu gestalten, um messbare Fortschritte zu erzielen.

Trainingsprinzipien: Die unsichtbaren Regeln für echten Fortschritt

Im Skoliosetraining reicht es nicht aus, einfach nur Übungen zu machen; es braucht eine fundierte sportwissenschaftliche Grundlage, um echte Fortschritte zu erzielen. Diese Grundlage bilden die Trainingsprinzipien – die unsichtbaren Regeln, die hinter jedem wirksamen Training stehen und auch für die Skoliosetherapie von entscheidender Bedeutung sind. Denn im Skoliosetraining funktioniert der Körper nicht anders, als in anderem Training und Sportarten auch.

Eines der wichtigsten Prinzipien ist das Prinzip des trainingswirksamen Reizes. Es besagt, dass ein Training nur dann wirksam ist, wenn die Belastung intensiv genug ist, um den Körper zu einer Anpassung anzuregen. Bleibt die Intensität unterhalb dieser sogenannten Reizschwelle, gibt es für den Körper keinen Anlass, sich zu verändern. Stell dir vor, du gehst jeden Tag nur fünf Minuten spazieren. Wenn du nicht gerade sehr untrainiert bist, wird das wahrscheinlich nicht ausreichen, um deine Ausdauer wirklich zu verbessern. Ähnlich verhält es sich im Skoliosetraining: Pauschale Wiederholungszahlen führen oft dazu, dass der Körper unterfordert bleibt und sich nicht weiterentwickelt bzw. Muskeln aufbaut.

Eng damit verbunden ist das Prinzip der Superkompensation. Dieses erklärt, warum wir uns nicht im Training, sondern danach verbessern. Nach einem intensiven Reiz ist der Körper kurzzeitig ermüdet und weniger leistungsfähig. In der anschließenden Regenerationsphase erholt er sich nicht nur, sondern passt sich an die Belastung an und wird für eine gewisse Zeit sogar leistungsfähiger als zuvor. Ohne diese ausreichende Erholung und die Berücksichtigung von Regenerationszeiten, wie man es auch aus dem Krafttraining kennt (zum Beispiel nicht jeden Tag dieselbe Muskelgruppe trainieren), bleibt der gewünschte Leistungszuwachs häufig aus.

Das Prinzip der ansteigenden Belastung sorgt dafür, dass dein Kind langfristig besser wird. So wie man nach dem Seepferdchen-Kurs nicht ewig dieselben 25 Meter schwimmt, sondern zu anspruchsvolleren Kursen wie Bronze oder Silber übergeht, müssen auch im Skoliosetraining die Anforderungen immer wieder erhöht werden. Der Körper gewöhnt sich an eine Belastung; um weiterhin Fortschritte zu machen, sind neue, höhere Reize notwendig. Nur so wird vermieden, dass man auf einem Trainingsniveau stehenbleibt, obwohl fleißig trainiert wird.

Diese Trainingsprinzipien zu verstehen und im Skoliosetraining anzuwenden, ist entscheidend, um die Übungen wirklich effektiv zu gestalten und nachhaltige Verbesserungen zu erreichen. Es geht darum, clever zu trainieren und die individuelle Leistungsfähigkeit genau zu berücksichtigen, damit die Mühe auch Früchte trägt.

Mythos „tägliche Übungen“ und die Sache mit den 5 Minuten

Immer wieder höre ich von Eltern und Betroffenen, die voller Überzeugung empfehlen, Skoliose-Übungen jeden Tag zu machen. Dieses Missverständnis ist tief verwurzelt, obwohl uns im Fitnessstudio klar ist, dass niemand täglich dieselbe Muskelgruppe trainieren sollte, um stärker zu werden. Dort ist jedem bewusst, dass nach einem intensiven Beintraining am nächsten Tag eine andere Muskelgruppe gefordert werden muss, damit sich die trainierten Muskeln erholen können.

Im Skoliosetraining konzentrieren wir uns jedoch ausschließlich auf einen bestimmten Bereich des Körpers rund um die Wirbelsäule, nämlich den Rumpf. Das bedeutet, wir können nicht einfach am nächsten Tag eine andere Muskelgruppe trainieren. Natürlich könnten wir das alles durch gezielte Übungen mehr aufteilen. Rücken, Bauch, Becken…  Aber wer will denn schon täglich Skoliosetraining machen, wenn er es eigentlich gar nicht muss? Diese notwendigen Regenerationsphasen könnt ihr nutzen, um euch anderen Dingen zu widmen, die mehr Spaß machen. Sicher, Profisportler trainieren auch jeden Tag, aber erstens wechseln dort die Trainingsinhalte ständig, und zweitens sind die wenigsten Skoliose-Patienten Profisportler mit einer hochtrainierten Regenerationsfähigkeit.

Das führt uns zum nächsten Mythos: die Sache mit den 5 Minuten Training. Wenn Patienten mit Erfahrung im Skoliosetraining zu mir kommen, frage ich immer, wie müde sie denn nach den 5 Minuten Trainings sind. In der Regel kommt dann „gar nicht“ zurück. Und genau das ist der Knackpunkt. Wenn keine ausreichende Erschöpfung vorliegt, fehlt der Reiz für den Muskelaufbau. Du kannst zwar jeden Tag 5 Minuten ohne große Anstrengung trainieren, aber ohne die zum Muskelaufbau zwingend erforderliche Erschöpfung und die darauf folgende Regeneration wird dein Körper keine Anpassungsreaktionen zeigen. Hier gilt das Prinzip: Weniger, dafür intensiver trainieren, bringt effektiv messbar mehr.

Um die richtige Dosis für dein Kind zu finden, kannst du dich an der sogenannten RPE-Skala orientieren. RPE steht für „Rate of Perceived Exertion“ – die Skala der empfundenen Anstrengung. Ursprünglich aus dem Herzsport kommend, wurde sie für das Krafttraining angepasst und reicht von 1 (sehr leicht) bis 6 (maximale Anstrengung). Im normalen Skoliosetraining hat alles unter einem Wert von 3 keine Trainingswirksamkeit. Fühlt sich die Übung nach einer 3 an, bist du im Bereich des Muskelausdauertrainings. 

Erst ab einem Wert von 4 wird der Körper angeregt, neue Muskeln zu bilden. Bevor du aber übermütig wirst und eigenständig Experimente startest: Sprich bitte unbedingt mit deinem Therapeuten darüber, wie dein Vorgehen gestaltet sein sollte, damit du dir keinen Schaden zufügst. Denn wir reden hier von therapeutischen Maßnahmen und Situationen, für die es unter Umständen Kontraindikationen gibt. Es ist nicht möglich, in einem öffentlichen Blogartikel genaue Empfehlungen zur Trainingsintensität zu geben, da diese immer von den individuellen Voraussetzungen abhängen.

So sieht effektives Krafttraining bei Skoliose aus

Wie sieht ein denn nun effektives Skoliosetraining aus? Die Antwort ist für dich vielleicht überraschend, denn es unterscheidet sich im Kern gar nicht so stark von jedem anderen sportlichen Training, das auf Leistungssteigerung abzielt. Dein Kind sollte nach dem Skoliosetraining eine ähnliche körperliche Erschöpfung spüren wie nach einer anstrengenden Sporteinheit. Anzeichen dafür sind z.B. Schwitzen, eine verstärkte Atmung und ein gerötetes Gesicht während der Übung– klare Signale, dass der Körper gefordert wird.

Um die Übungen effektiv zu gestalten und echte Fortschritte zu erzielen, gibt es verschiedene Stellschrauben, an denen gedreht werden kann. Man kann den Umfang des Trainings erhöhen, also mehr „Wiederholungen“ einbauen. Eine andere Möglichkeit ist die Steigerung der Intensität, indem die Übungen schwieriger gemacht werden oder Hilfsmittel wie Gymnastikbänder zum Einsatz kommen, die zusätzlichen Widerstand bieten. Oder aber es wird auf schwierigere Übungen umgestiegen, die neue Herausforderungen stellen und den Körper zwingen, sich weiter anzupassen.

Entscheidend ist dabei immer, dass diese Trainingsparameter auf die individuelle Leistungsfähigkeit deines Kindes abgestimmt sind. Was für das eine Kind eine angemessene Herausforderung darstellt, kann für ein anderes Kind zu leicht oder zu schwer sein. Ein erfahrener Therapeut, der dein Kind und seine Skoliose genau kennt, kann gemeinsam mit ihm die passenden Trainingsparameter festlegen und im Verlauf der Therapie immer wieder anpassen. Nur so wird sichergestellt, dass das Training optimal wirkt, den Körper fordert, aber nicht überfordert und dein Kind kontinuierlich besser wird.

Motivation erhalten und Frust vermeiden

Eine Skoliose ist keine Diagnose, die man sich freiwillig wünscht, und der Start in die Therapie fühlt sich oft wie eine unüberschaubar lange und wenig motivierende Reise an. Übungen, Korsett, all das wird anfangs als „doof“ empfunden. Doch genau in dieser Phase ist es entscheidend, die Motivation deines Kindes nicht nur zu wecken, sondern langfristig zu erhalten und Routine zu etablieren.

Mein Ziel ist es, den Betroffenen von Anfang an immer wieder vor Augen zu halten, dass sie Fortschritte machen. Indem wir diese Fortschritte sichtbar machen – und das von Beginn an – gewinnt die Tätigkeit einen Sinn. Aus anfänglicher Motivation wird so mit der Zeit eine selbstverständliche Routine. Wenn aber keine Erfolge erkennbar werden und man das Gefühl hat, auf der Stelle zu treten, dann wird selbst der motivierteste Mensch irgendwann aufgeben. Die aktuelle Situation, in der viele Kinder trotz Fleiß keine sichtbaren Veränderungen sehen, führt unweigerlich zu Frust und Demotivation.

Ein ganz simpler, aber effektiver Trick, um aus Motivation eine Trainingsroutine zu entwickeln, ist z.B. das Führen von einem Trainingsheft oder Trainingsplan. Darin werden die absolvierten Übungen, die Intensität, die Wiederholungen, Schwierigkeitsgrade oder auch die persönliche Einschätzung der Anstrengung (zum Beispiel mithilfe der RPE-Skala) notiert. Wenn sich die Seiten füllen und die Eintragungen den zurückgelegten Weg und die erreichten Veränderungen dokumentieren, werden die Fortschritte greifbar und sichtbar. Das Trainingsheft wird so zu einem sichtbaren Beweis für die eigene Leistung und ein wichtiger Motivationsanker auf dem langen Weg der Skoliosetherapie.

Fazit

Das Skoliosetraining kann nur dann zu messbaren Erfolgen führen, wenn es auf den elementaren Trainingsprinzipien aufbaut. Diese Prinzipien ergeben sich aus der Biologie unseres Körpers und lassen sich nicht einfach ignorieren. Werden sie nicht berücksichtigt, tritt das Training auf der Stelle, was langfristig dazu führen wird, dass die Motivation leidet.

Wenn du herausfinden möchtest, wie effektiv euer Skoliosetraining bereits ist, dann melde dich gerne bei uns.

Wie das bei anderen funktioniert hat, kannst du hier nachlesen: „Alle sagten: das geht nicht“ (=> https://skoliofit.de/erfahrung-mit-skoliosetherapie-maedchen-14-jahre/)

Noch ein wichtiger Hinweis: Nicht jede Skoliose reagiert in gleichem Maß auf Training. Vor allem bei sogenannten sekundären Skoliosen (Skoliose mit bekannter Ursache) ist die Prognose oft schlechter als bei idiopathischen Skoliosen (Skoliosen ohne bekannte Ursache). Dennoch gibt es unter den idiopathischen Skoliosen Fälle, in denen sich trotz optimaler Umsetzung von Korsett, Training und Haltung die Situation verschlechtert. Diese sind jedoch selten. Seit Beginn meiner Selbständigkeit im Oktober 2007 habe ich nur eine einzige Person mit idiopathischer Skoliose betreut, bei der trotz aller Maßnahmen letztlich eine Operation nötig wurde. Bei allen anderen, die sich für eine Operation entschieden haben, war es so, dass mindestens eine der wichtigen Komponenten (Training, Korsett, Alltag) nicht optimal umgesetzt war.


verwendete Literatur:

  • Weineck, J. (1995). Optimales Training. Spitta Verlag: Balingen
  • Wilke, C. et al. (2003). Training in der Therapie. Urban & Fischer Verlag: München Jena

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