Was ist eigentlich eine degenerative Skoliose?
Degenerative Skoliose hört sich erstmal kompliziert an, ist es aber nicht. Gemeint ist damit eine neue Wirbelsäulenkrümmung, die sich erst im Erwachsenenalter entwickelt – auch „De-Novo-Skoliose“ genannt.
Anders als die idiopathische Skoliose bei Jugendlichen, betrifft sie vor allem die Lendenwirbelsäule (also den unteren Rücken).
Entscheidend: Die Wirbelsäule krümmt sich seitlich um mindestens 10 Grad (gemessen durch ein Röntgenbild im Stand). Genauso wie bei der jugendlichen Skoliose verdreht sich die Wirbelsäule außerdem noch.
Wer ist betroffen?
Die degenerative Skoliose ist ein wachsendes Gesundheitsproblem, da die Bevölkerung immer älter wird. Sie tritt typischerweise bei Personen mittleren und höheren Alters (über 50 Jahre) auf, mit einem durchschnittlichen Alter bei der Vorstellung von etwa 70,5 Jahren.
Das Vorkommen in der Bevölkerung ist hoch. Die Häufigkeit liegt je nach Studie zwischen 6% und 68%. Frauen sind auch bei dieser Form der Skoliose häufiger betroffen als Männer. Jedoch ist das Verhältnis nicht ganz so extrem, wie bei den Jugendlichen. Studien berichten von etwa 1.5 Frauen auf einen Mann bis zum Verhältnis 2.6:1. Die Männer holen also auf. 😉
Verminderte Knochendichte nach der Menopause und eine Schwäche der Rückenmuskeln, die direkt neben der Wirbelsäule sitzen (paarvertebrale Muskulatur) werden häufig mit der Altersskoliose in Verbindung gebracht werden.
Wenigstens etwas: Nur weil Frauen häufiger betroffen sind, heißt das nicht, dass ihre Skoliose schneller voranschreitet. Das Risiko der Verschlechterung ist für beide Geschlechter ähnlich.
Wie entsteht Skoliose bei Erwachsenen?
Der Hauptschuldige ist in diesem Fall die asymmetrische Abnutzung der Bandscheiben und der kleinen Wirbelgelenke. Im Klartext: Die Seite, die stärker beansprucht wird, verschleißt einfach schneller. So verteilt sich das Gewicht immer ungleicher – und das ganze Wirbelsäulensegment gerät aus dem Gleichgewicht. Die Folge? Die Wirbelsäule verbiegt sich und fängt an sich zu verdrehen. Unter Umständen entwickelt sich sogar eine Verformung einzelner Wirbelkörper.
Und ganz ehrlich? Wir haben doch alle im Laufe unseres Lebens unsere Lieblingslümmelhaltungen entwickelt. Oder nicht?
Der Teufelskreis: einmal drin, nur schwer wieder raus
Das Ganze läuft oft nach einem typischen Muster ab:
Erst verschleißen Bandscheiben und Gelenke auf einer Seite mehr. Dadurch wird auch die Muskulatur einseitig stärker belastet, was nicht nur oft zu Schmerzen führt – sondern leider auch zu Schonhaltungen oder weniger Aktivität. Und genau das gibt dem Teufelskreis noch mehr Futter. So dreht sich die Spirale immer weiter und die Krümmung nimmt zu.
Osteoporose verschärft das Ganze
Vor allem bei Frauen nach der Menopause kommt oft noch Osteoporose ins Spiel. Das macht die Wirbelkörper instabiler und beschleunigt im schlimmsten Fall sogar die Verkrümmung.
Rückenmuskulatur: Wenn sie schlapp macht, geht’s bergab
Ein ganz wichtiger Punkt dabei: die Rumpfmuskulatur, allen voran die Muskeln direkt neben der Wirbelsäule. Sie halten uns normalerweise aufrecht und sorgen für Balance. Aber auch sie leiden, wenn die Statik nicht mehr passt. Zusätzlich baut sich unsere Muskelmasse im Alter häufig ab und wird durch Fettgewebe ersetzt – das macht den Rücken noch instabiler und gibt den Verschleißerscheinungen richtig Auftrieb. So entsteht schleichend ein Teufelskreis, aus dem ohne gezieltes Training oft kaum ein Entkommen ist.
Symptome und Alltagsbelastungen bei Erwachsenen mit Skoliose
Schmerz als Hauptproblem
Das größte Problem bei der degenerativen Skoliose sind Schmerzen – und damit ist man definitiv nicht allein: Bis zu 90 % der Betroffenen kommen genau deshalb in die Praxis. Aber Schmerz ist nicht gleich Schmerz – Patienten mit degenerativer Skoliose können unterschiedliche Schmerzen haben.
Axiale Rückenschmerzen
Ganz typisch ist ein dumpfer, diffuser Rückenschmerz. Meistens sitzt er an der Außenseite (konvexe Seite) der Krümmung und fühlt sich an, als hätten die Rückenmuskeln einen Marathon hinter sich. Kein Wunder, die Muskulatur arbeitet ständig gegen das Ungleichgewicht an – und irgendwann ist einfach Feierabend. Dieser Schmerz meldet sich besonders dann, wenn man lange steht oder man sich für längere Zeit aufrichtet. Liegen oder Sitzen mit abgestütztem Oberkörper bringt meist schnelle Erleichterung. Viele haben das Gefühl, im Alltag „umzukippen“, oder berichten von dem Gefühl, dass der „Rücken gleich durchbricht“ wenn die Belastung zu hoch wird.
Nervenschmerz: Wenn das Bein zwickt
Genau so belastend ist der Beinschmerz – der sogenannte radikuläre Schmerz. Durch die Verkrümmung der Wirbelsäule geraten die Nerven an den Innenseiten der Krümmung unter Druck und werden an den Außenseiten massiv gedehnt. Einige meiner Patienten berichteten von einer gefühlten Schwäche in den Beinen, bis hin zu Schmerzen, Kribbeln oder Taubheitsgefühle. Die Schmerzen strahlen über das Gesäß bis ins Bein aus. Vor allem beim Gehen oder Stehen. Wer das kennt, weiß, wie sehr solche Beschwerden einschränken können. Aber: Diese Schmerzen können auch von anderen Problemen, wie z.B. Bandscheibenvorfall, dem Verschleiß der Bandscheiben, oder einer skolioseunabhängigen Spinalkanalstenose kommen. Daher ist eine Abklärung durch einen Fachmann extrem wichtig.
Auf den Knochenbau achten: Osteoporose immer im Blick behalten
Gerade bei Erwachsenen mit degenerativer Skoliose spielt die Knochengesundheit eine riesige Rolle. Wer zusätzlich an Osteoporose leidet, ist besonders gefährdet, dass die Wirbelsäule instabil wird und die Krümmung schneller zunimmt. Deshalb ist es sinnvoll, gezielt nach Osteoporose zu gucken und diese – falls nötig – auch konsequent zu behandeln.
Mit welcher Verschlechterung muss man rechnen?
Die Krümmung der Skoliose wächst im Durchschnitt um rund 3° pro Jahr.
Was beeinflusst das Fortschreiten der Skoliose?
Risikofaktoren für eine Verschlechterung der Skoliose:
•Degeneration der Bandscheiben
•Wirbelgleiten (seitliches Verschieben der einzelnen Wirbelkörper gegeneinander)
•Rotation der Wirbelkörper größer als Grad 2 nach Nash & Moe
Es gibt weiterhin Hinweise darauf, dass eine verringerte Schlafdauer ein Risiko für die Progression darstellen könnte. Denn zu wenig Schlaf kann den Knochen schwächen und Entzündungen fördern.
Auch Übergewicht (BMI über 25) wird als möglicher Risikofaktor diskutiert.
Was ist das Ziel der Behandlung?
- Schmerzen zu lindern
- Lebensqualität der Betroffenen verbessern
- Fortschreiten der Krümmung stoppen oder zumindest reduzieren
Was hilft? – Behandlungsoptionen bei degenerativer Skoliose
Das Wichtigste vorab: genau wie bei der jugendlichen Skoliose ist meiner Meinung nach die Früherkennung das Wichtigste. Denn je früher diese Alters-Skoliose erkannt wird, desto besser können nachfolgende Behandlungsansätze wirken. Deshalb immer wieder zwischendurch mal einen Haltungscheck machen und bei Auffälligkeiten einen Fachmann aufsuchen, der dann unter anderem eine körperliche Untersuchung durchführt und gegebenenfalls weitere Untersuchungen in die Wege leitet.
Solange keine ausgeprägten Nervenschäden, langanhaltende heftige Beinschmerzen oder andere Warnsignale da sind, ist auch bei einer Degeneration die konservative Therapie die erste Wahl.
Das bedeutet in erster Linie: Training
Training
Hier muss klar unterschieden werden, welche Art von Training für den Betroffenen die richtige Wahl ist. Geht es um Prävention einer möglichen Alters-Skoliose können niedrigintensive, muskelstärkende Ausdauerprogramme und überwachte Übungsprogramme mit Fokus auf die Kräftigung der Rumpfmuskulatur gute Dienste leisten. Dadurch beugt man allgemeinen Alterungserscheinungen vor und erhält die allgemeine Beweglichkeit.
Ist die Wirbelsäulenverkrümmung bereits fortgeschritten und eine echte Skoliose vorhanden, sollte nicht nur allgemeine Physiotherapie, sondern gezieltes asymmetrisches Training durchgeführt werden, um den bereits gebildeten Muskelasymmetrien entgegenzuwirken. Zusätzlich sollte bei der Therapie darauf geachtet werden, dass eine Haltungsänderung im Alltag stattfindet, um auch den Aspekt der Schonhaltung im Teufelskreis zu durchbrechen.
Skoliose-Orthese
In einem 2. Schritt kann unter Umständen über den Einsatz eines orthopädischen Hilfsmittels in Form einer speziell angefertigten Skoliose-Orthese nachgedacht werden. Ich habe bereits etliche Patienten, die sehr davon profitieren.

Ein passgenaues Erwachsenenkorsett kann richtig viel bewirken: Es lindert Schmerzen, stützt gezielt die Lendenwirbelsäule und verbessert damit die Statik im Alltag. Bei vielen meiner Patienten wurde durch das Tragen der Orthese auch eine sichtbare Korrektur der Krümmung erzielt – und das ganz ohne Operation.
Studien zeigen: Wer konsequent mehr als 6 Stunden am Tag sein Korsett trägt, kann die Zunahme der Krümmung deutlich verlangsamen – von durchschnittlich 1,5° pro Jahr ohne Orthese auf nur noch 0,2° pro Jahr mit Orthese. Das kann für viele ein echter Gamechanger sein.
ABER: Das Korsett als alleinige Maßnahme zu betrachten ist jedoch keine Option. Es bedarf IMMER der Begleitung von aktiven Trainingsmaßnahmen.
Vorteil dieser konservativen Maßnahmen:
Sie sind sicher, verursachen kaum Nebenwirkungen und können individuell sehr flexibel angepasst werden – perfekt für alle, die keine Operation möchten oder bei denen eine OP nicht infrage kommt.
Medikamente – Unterstützung für den Alltag
Bei Schmerzen können Medikamente hilfreich sein, um wieder den Weg in die Bewegung zu finden und so den Teufelskreis zu durchbrechen. Der Einsatz von Schmerzmitteln sollte immer mit dem Arzt abgestimmt werden. Nur er kann entscheiden, welche Art von Medikament sinnvoll ist.
Chirurgische Therapie
Eine operative Therapie sollte immer die letzte Maßnahme sein, denn sie ist ein endgültiger Eingriff. Sie wird in folgenden Situationen in Betracht gezogen:
- bei unbeherrschbaren Schmerzen (trotz intensiver konservativer Therapie über mindestens sechs Monate)
- neurologischen Defiziten oder fortschreitender Deformität, die die Lebensqualität stark beeinträchtigt
Bei einer Operation werden die Wirbel mittels Schrauben und Stäben so gut wie möglich korrigiert, aber vor allem stabilisiert. Durch diese Fusion werden auch die Nerven entlastet, da die Wirbelsäule auseinander gezogen wird und somit wieder mehr Freiraum im Wirbelkanal entsteht.
Ein besondererFokus liegt dabei darauf, die natürliche Schwingung der Lendenwirbelsäule von der Seite (das sogenannte Sagittalprofil) wiederherzustellen. Denn gerade degenerative Skoliosen neigen sehr dazu, dass der Oberkörper im Laufe der Zeit immer weiter nach vorne kippt.
Aber nicht jeder profitiert gleich gut von einer Operation. Wer ein höheres Alter hat, unter Depressionen leidet, raucht oder bereits im Alltag stark eingeschränkt ist, hat nach einer OP tendenziell ein höheres Risiko für schlechtere Ergebnisse. Eine OP ist also immer eine individuelle Entscheidung und sollte gut überlegt sein.
Fazit
Die degenerative Skoliose mag zwar eine typische Alterserscheinung sein – ausgeliefert ist ihr aber niemand. Je früher Veränderungen erkannt werden, desto mehr kannst du selbst gegensteuern. Mit regelmäßigen Haltungschecks, gezieltem Training und – wenn nötig – Hilfsmitteln wie einer Orthese lassen sich Schmerzen lindern und die Lebensqualität deutlich verbessern. Wer aktiv dranbleibt und seine Rückengesundheit ernst nimmt, gibt der Krümmung weniger Chancen und bleibt länger fit im Alltag.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen degenerativer Skoliose und jugendlicher Skoliose?
Die degenerative Skoliose entwickelt sich erst im Erwachsenenalter durch Verschleiß und Abnutzung der Wirbelsäule, meist im Bereich der Lendenwirbelsäule. Die jugendliche Skoliose entsteht dagegen meist im Wachstum und betrifft oft auch andere Bereiche der Wirbelsäule.
Welche Symptome sind typisch?
Die häufigsten Beschwerden sind Rückenschmerzen, insbesondere bei Belastung, sowie Schmerzen oder Missempfindungen in den Beinen durch Nervenreizungen. Viele Betroffene berichten außerdem über das Gefühl, keinen richtigen Halt zu haben oder „umzukippen“.
Kann ich selbst etwas gegen die Verschlechterung tun?
Ja! Regelmäßige Bewegung und gezieltes Training sind das A und O. Auch Haltungschecks, eine gesunde Lebensweise und – wenn nötig – orthopädische Hilfsmittel wie Orthesen können helfen, die Situation zu stabilisieren.
Wann ist ein Korsett sinnvoll?
Ein Erwachsenenkorsett kann ins Spiel kommen, wenn Schmerzen bestehen oder die Krümmung zunimmt. Es kann den Verlauf deutlich verlangsamen. Aber: Ein Korsett ersetzt nie das aktive Training, sondern unterstützt es. Der Arzt entscheidet über die Notwendigkeit eines Korsetts.
Wann sollte operiert werden?
Eine OP kommt dann in Frage, wenn die konservativen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind, die Schmerzen unbeherrschbar werden oder es zu Lähmungserscheinungen und massiven Einschränkungen kommt. Diese Entscheidung sollte immer mit einem Arzt besprochen werden.
Muss ich mein Leben komplett umstellen?
Nein, du musst nicht alles auf den Kopf stellen. Aber ein aktiver Alltag mit bewusster Haltung und regelmäßigen Übungen bringt den größten Gewinn für Rücken, Wohlbefinden und Lebensqualität.
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